Die letzten Tage waren für alle, die auf E-Autos und Wärmepumpe setzen, ungemütlich. Ungemütlich, weil die österreichischen Stromnetz-Betreiber Druck aufbauen, dass Endkunden Netzkosten nicht nur nach bezogenen kWh, sondern auch nach Leistung bezahlen sollen. Weil das aktuelle Abrechnungssystem unfair sei.
Unfair?
Das Argument:
Ein Wiener mit seiner 50m2 Wohnung, der weder eine E-Ladestation noch eine Wärmepumpe hat belastet das Netz weniger
als
einer in seinem Einfamilienhaus in Niederösterreich, der sein E-Auto zuhause lädt, mit einer Wärmepumpe heizt und (Gott bewahre) auch noch eine PV-Anlage besitzt. Und damit die bösen Leistungsspitzen generiert, die einen Netzausbau notwendig machen.
Aus diesem Grund kann es nicht sein, dass der Wiener in seiner Wohnung die gleichen Netzgebühren bezahlt, wie der mit dem Haus in Niederösterreich (die Bundesländer sind zufällig gewählt).
Fair?
Auf den ersten Blick greift das Argument. Natürlich nutzt der Hausbesitzer mit PV und Co. das Netz anders als jemand in einer Genossenschaftswohnung.
Auf den zweiten Blick, hat der Hausbesitzer allerdings genauso gehandelt, was ihm die Politik in den letzten Jahren gesagt hat:
Weg vom Gas
Weg vom Verbrenner
Unabhängiger mit PV (und Speicher)
Obendrein wurde genau das mit üppigen Förderungen befeuert. Hier 5.500€ fürs E-Auto, hier 17.500€ für die Wärmepumpe und hier verzichte ich meine 20% MWSt. auf PV Anlagen.
Und Obendrein gebe ich dir auch eine passable Einspeisevergütung (gut, von der muss man sich ohnehin verabschieden. Soll der Strom günstiger werden, dann muss die Einspeisevergütung weg oder noch niedriger sein - Ziel sollte es grundsätzlich sein den eigenen PV Strom zu nutzen oder zu speichern)
Und jetzt werden genau diese Menschen, die hier tausende Euro investiert haben und auch mit Förderungen gelockt wurden zur Kassa gebeten.
Unfair!
Netzbetreiber wollen die Leistung nicht fair über die Zeit verteilt messen – sondern auf Basis eines einzigen Ausschlags: Einem einzigen und zwar dem höchsten Viertelstundenwert im Monat. Zu lesen bei den Wiener Stadtwerken:
Die Abrechnung der Leistung ist der jeweils höchste gemessene Viertelstundenwert pro Monat, womit die bisherige pauschale Leistungsverrechnung vollständig abgelöst wird.
Konkret: Wenn ich an einem Samstag Nachmittag im April, wenn der Strompreis um 14 Uhr negativ ist und dann mein E‑Auto lade, die Wärmepumpe Wasser nachheizt und der Herd gerade läuft und ich damit kurzfristig auf 17 kW komme, dann bestimmt genau dieser eine 15‑Minuten‑Moment meine Netzkosten für den gesamten Monat (!)
Es ist dann egal, ob ich die restlichen 30 Tage mit 3 kW durch den Tag gehe – das ist kein Anreizsystem, das ist eine Peak‑Lotterie.
Im LTE Forum habe ich eine gute, wage Rechnung dazu gelesen. Diese Zahlen sind ein Richtwert, basieren aber auf den aktuellen Netzkosten: Netzebene 7 mit Leistungsmessung
Beispiel Wiener Netze: 82€ / Jahr pro kW. Heißt, wenn ich an einem sonnigen Tag von 11 bis 15 Uhr mein E-Auto mit 11 kW lade (Strompreis negativ, SNAP ist aktiv), dann schaut es wie folgt aus:
82*1,2= 98€ (Grundgebühr pro Jahr pro kW inkl. MWSt.)
98/365= 0,2684€ (Grundgebühr pro Tag pro kW)
0,2684*14= 3,75€ (11kW plus 3 kW für Waschmaschine, Geschirrspüler und Co, weil ich ja mit dem negativen Strompreis so viel Strom aus dem Netz nehmen möchte um es zu entlasten und natürlich auch Geld zu sparen)
3,75€*31= 116,25€ (31 Tage, weil die 1 Viertelstunde als Grundlage genommen wird für das gesamte Monat!)
Warum genau das die falschen treffen würde
Noch absurder wird es, wenn man das mit anderen Signalen im System vergleicht.
Netzbetreiber wie Wiener Netze werben mit dem Sommer‑Netzentgelt (SNAP):
Zwischen April und Oktober, täglich von 10 bis 16 Uhr sollen wir möglichst viel Strom ziehen, wenn viel Erneuerbare im Netz vorhanden sind. Es gibt sogar Energieanbieter, die in dieser Zeit den Strom verschenken:

Und was macht ein Kunde mit E-Auto, Wärmepumpe und Co. zu dem Zeitpunkt? Er möchte das auch nutzen. Wenn es nicht netzdienlich wäre, dann würde es keine 20% Rabatt auf die Netzgebühren oder gratis Strom in dem Zeitraum geben.
Und dann gibt es noch das andere Extrem: Die Spotmärkte. Die sagen, vor allem in den wärmeren Monaten: Wenn der Preis negativ ist, bedeutet das: „Wir haben zu viel Strom, bitte nehmt Last auf.“ Beispiel: Der 25. April 2026. Um 14 Uhr kostet 1 kWh -20 Cent!
Und was macht ein Haushalt mit E‑Auto, Wärmepumpem, PV und im besten Fall auch noch einem Spottarif?
Er lädt das Auto mit 11 kW in der Mittagszeit.
Er heizt Warmwasser mit der Wärmepumpe.
Er schaltet den Geschirrspüler, Waschmaschine oder den Staubsauger ein.
Genau in diesem Moment, wo das System besonders von ihm profitiert, kann sein Verhalten plötzlich in den 15‑Minuten‑Peak münden – und damit in die teuerste Position seiner Netzkosten für den ganzen Monat.
Das ist kein Anreizsystem. Das ist eine systemische Falle, bei der man signalisiert:
„Bitte mehr Last in dieser Zeit – aber wenn du damit zufällig eine Spitze erzeugst, zahlst du drauf.“
Was das für die Energiewende bedeutet
Wer so abrechnet, untergräbt nicht nur die Akzeptanz, sondern auch die Logik der Energiewende. Die Menschen, die sich ein E‑Auto gekauft, eine Wärmepumpe installiert und eine PV‑Anlage finanziert haben, haben das nicht aus romantischer Gesinnung getan.
Sie haben reagiert auf:
Klar formulierte Ziele: „Weg vom Gas, weg vom Verbrenner, mehr Eigenstrom.“
Konkrete Förderungen: 5.500 € fürs E‑Auto, 17.500 € für die Wärmepumpe, 20% Umsatzsteuerbefreiung auf PV‑Anlagen.
Und eine Einspeisevergütung, die signalisiert: „Dein überschüssiger Strom ist willkommen.“
Und genau diese Menschen – die also nicht nur investiert, sondern auch die politischen Weichenstellungen befolgt haben – werden jetzt plötzlich als Punktelieferanten für die Netzentgelte behandelt. Das ist keine „Verursachergerechtigkeit“, sondern eine nachträgliche Abrechnung mit all jenen, die genau das tun, was die Politik seit Jahren einfordert.
Wohin führt das?
Wenn Regeln nach Investitionen geändert werden, stirbt Vertrauen.
Wer in PV einsteigt, fragt sich:
„Was gilt morgen noch?“Wer in eine Wärmepumpe investiert:
„Welche neue Netzkostenfalle ist morgen das Modell?“Und wer ein E‑Auto lädt:
„Reicht es, wenn ich “nett” zum Netz bin, oder wird mir jede Spitze im Monat als Strafgebühr vorgeworfen?“
Leistungskomponenten bei Netzentgelten sind nicht an sich falsch. Aber sie müssen:
stimmig mit anderen Signalen im System sein (SNAP, Spotpreise, Förderungen),
fachlich durchdacht (kein 15‑Minuten‑Peak über 30 Tage),
und fair eingeführt werden – mit echten Steuerungsmöglichkeiten, nicht nur mit Strafen.
Was derzeit diskutiert wird, ist im Kern ein Modell, das die richtigen Leute belehrt, die richtigen Signale konterkariert und die Energiewende von der falschen Seite her verteuert.
Damit ist niemand besser bedient – außer vielleicht die Rechnungsbüros bei den Netzbetreibern, weil man sich dann doch die eine oder andere Modernisierung des Netzes erspart oder deutlich verzögert.
Fazit
Am Ende geht es um folgendes:
Wer in den letzten Jahren auf E‑Auto, Wärmepumpe und PV gesetzt hat, hat genau das getan, was Politik gefordert haben: Unabhängiger werden.
Dass diese Menschen jetzt das Risiko für ein Abrechnungsmodell tragen sollen, das einen 15‑Minuten‑Peak über 30 Tage verrechnet und dabei mit SNAP und Spotpreisen gerade die Zeit belohnt, in der genau dieser Peak am wahrscheinlichsten ist, ist keine „verursachergerechte“ Reform.
Das ist ein System, das seine eigenen Spielregeln konterkariert – und damit vor allem das Vertrauen in die Energiewende untergräbt.
Wenn Leistungskomponenten kommen sollen, dann müssen sie anders aussehen:
transparent
steuerbar
mit echten Anreizen statt bloßen Strafen
Und nicht als nachträgliche Rechnung an jene, die zuerst investiert und zuerst mitgemacht haben.

